Verbindlichkeiten in der freien Liebe – Wünsche und Ansprüche

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Ja, was wünsche ich mir in der freien Liebe, welche Art von Verbindlichkeit darf die alte Form des Besitzdenkens ablösen?

Worte wie Kommunikation, Anteilnehmen, Anteilhaben, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein fallen mir da auf Anhieb ein. Gibt’s ja alles schon? Ja, das stimmt. Dennoch wünsche ich mir eine Anpassung dieser Qualitäten auf das, was heute für mich relevant ist, eine viel feinsinnigere Wahrnehmung von emotionalen Verantwortlichkeiten.

Kommunikation

Im Zuge der gewaltfreien Kommunikation bin ich schon lange dabei die Du-Botschaften in Ich-Botschaften zu verwandeln. Obwohl ich noch immer spüre, wie schwer es mir fällt in der Ich-Form zu sprechen. Gerade wenn es um meine Bedürfnisse geht. Da überwiegt immer wieder die Prägung des Sich-Nicht-Wertfühlens, der Annahme dass mir nichts zustünde. Dennoch wünsche ich mir aus der Tiefe meines Herzens, dass es einen Raum gibt, meine Seele auszubreiten, mich zu zeigen mit all meinen Facetten, Stärken, Wünschen, Ängsten. Nicht in der Erwartung, dass mein Gegenüber meine Probleme löst. Nein. Diese Fehlannahme gehört tatsächlich der Vergangenheit an. Sondern dass er mir mit einem offenen Herzen zuhört. Auf dass ich Klarheit finden kann in der wärmenden Präsenz des Zuhörers. Oft findet sich die Antwort wie nebenbei, in dem Raum der Liebe und des Angenommen-Seins. Manchmal braucht es aber auch gar keine Lösung oder Antwort, es braucht einfach nur ein liebevolles miteinander anschauen. Manchmal sind es die Momente, in denen man miteinander schweigen kann, die sehr heilsam sind.

Anteil haben am Leben des anderen

Ebenso wichtig ist es für mich, am Leben meines Partners in gleicher Weise Anteil zu haben. Öffnet sich mein Partner ebenso und lässt mich in seine Seele blicken, in seine Abgründe? Zeigt er mir ebenso, wenn er sich verloren fühlt und keine Antwort weiss? Oder zieht er sich schweigend zurück in seine Höhle, wenn es schwierig wird? Ich sehne mich nach dieser Art der Verbindlichkeit: jederzeit offen, ehrlich und eigenverantwortlich mit seinem Partner darüber zu sprechen, was gerade IST. Selbst wenn es ein: „Ich weiss gerade gar nichts, ich muss mich selbst erst zurecht finden.“ ist. Ich brauche keine fertige Lösung, ich will am Prozess beteiligt sein, wenigstens darüber informiert. Ja, den sprichwörtlichen Mut zur Lücke definiere ich für mich so: Nicht die Lücke des Nicht-Mehr-In-Kontakt-Seins möchte ich vorgesetzt bekommen, sondern den Mut zu seinen Lücken, Macken, Fragen, Unpässlichkeiten zu stehen.

Vertragliche Spielarten

Ungeachtet dessen, welche Art von Beziehung ein Paar leben möchte, gibt es doch immer Vereinbarungen. Sie werden verbal getroffen. Natürlich gehört ein gewisses Maß an Befähigung zur Kommunikation dazu. Durch Heirat oder Ehevertrag werden wieder andere oft lebenslange Verträge geschlossen. Partnerschaften definieren sich durch Lebensansichten und Philosophien, die gemeinsam geteilt werden. Weniger bekannt ist das Kleingedruckte. Das, was mitgeliefert wird bei jedem Menschen und in die Beziehung einfliesst. Zum Beispiel gehört die lebenslange Konditionierung durch unser Umfeld dazu, sowie nicht gelebte Wünsche und Sehnsüchte, Traumata, Erinnerungen. All das ist quasi Teil des Gesamt-Paketes. Natürlich gehören auch Erwartungen dazu, ob ausgesprochen oder nicht. Und hier wird es interessant. Ein bestimmtes Verhalten ruft fast unbemerkt eine Erwartungshaltung hervor.

Jetzt möchte ich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Aus meinem ganz Persönlichem. Mein Leben war gefüllt von Begegnungen mit Männern, nein, sie waren bei weitem nicht alle sexuell. Aber dennoch immer wieder sehr tief greifend. Meist fingen sie vielversprechend an. Wirbelten in mein Leben und liessen mich Lebendigkeit spüren. Ich fühlte genau, in welchem Maße es dem Mann genauso erging. Nach dem anfänglichen Hin und Her, nennen wir es mal die Werbephase, entschied ich mich dann entweder für oder gegen eine Beziehung mit diesem Mann. Natürlich bekam auch ich genügend Körbe, aber darum soll es hier nicht gehen. 😉 Fehlte irgendetwas für mich und ich konnte mich einfach nicht dafür erwärmen, blieb nach der anfänglichen Melancholie des Verschmähten doch meistens ein zarter Hauch einer angenehmen Erinnerung zurück. Späteres zufälliges Wiedertreffen, rief immer Freude hervor. Wenn ich mich jedoch mit jeder Faser meines Seins für die feste Bindung entschied, lies fast schon zur selbigen Stunde sein Interesse an mir nach. So wirklich habe ich dieses Phänomen noch nicht durchdrungen – vielleicht lag es ja am Jagdtrieb oder den Hormonen. In meinen Beziehungen war ich sexuell meist sehr frustriert und hungerte über Jahrzehnte. Die anfängliche Euphorie hielt also nicht, was sie versprach. So nach und nach wurde mir immer klarer, dass meine Erwartungen sehr von der anfänglichen Verliebtheit geprägt waren. Der Gefühlscocktail war immer wieder lecker und wirkte sehr intensiv. Und so landeten unbemerkt all meine ungestillten Hoffnungen und Projektionen in dieser Beziehung, als Anspruch an diesen Menschen.
Und diese wurden zum heimlichen Bestandteil der Beziehungs-Vereinbarung. Ziemlich schnell war dann wieder Montag, die rosa Wölkchen-Lieferung blieb aus. Ich fühlte mich um meinen Status Quo betrogen. Diese seltsame Dynamik wurde von mir genauestens durchschaut. Aber: ich lernte ja daraus. Ganz fest nahm ich mir vor, wachsam auf Signale zu achten. Nein, ich würde nicht mehr blinden Auges in diese Falle tappen. Von Anfang an wollte ich klar kommunizieren, um so sicher zu stellen, nicht wieder auf eine Mogelpackung herein zu fallen, die nicht hielt was sie versprach.  So würde ich auf Nummer sicher gehen. Denkste!

… to be continued.

Silviana

Teil 1 – hier: 

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2 Kommentare

  1. Hallo Silviana! Ich kann dich sehr gut verstehen! mir ging es ganz genau so wie dir!
    Ich hatte auch den Gedanken, wie man eine freie offene Liebe leben kann, wie man sich wundervoll mit den Menschen austauschen kann, die einem begegnen, ohne dass mein eigener Treueanspruch oder der Besitzanspruch meines Partners verletzt wird. Ich hab alle Arten und Weisen eine zeitlang gelebt und bin am Ende, als ich mit mir selbst zufrieden war, mir alles, was ich glaube, zu brauchen, selber gegeben habe, einem Mann begegnet, der das auch kann. Und nun gibt es statt Sex tiefgehendes ekstatisches Liebemachen (nach allen Tantra-Künsten). Ich bin am Ziel angekommen. Die Suche ist beendet. Eine innere Ruhe ist da und ich hab alles, was mein Herz begehrt! Drück dich! <3

    1. Hallo liebe Beate,

      vielen Dank für deine Rückmeldung. Ja, das kann ich auch bestätigen! Je mehr die Selbstliebe, Selbstannahme und Übernahme der Eigenverantwortung praktiziert ist, desto weniger brauche ich einen anderen Menschen. Keinen mehr zu brauchen, macht so frei! Diese Freiheit und Liebe zu leben, ist jenseits von allen Beziehungsformen.

      Ich bin begeistert von deinem ekstatischen Liebemachen! Mein Fokus ist auch sehr klar: Ekstase statt Erregung 😉

      Dir alles Liebe und eine Herzensumarmung!

      Namasté,

      Silviana

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