Selbstversuch – Leben ohne Brille – Update

Auge

Liebe Freunde,

ihr fragt euch vielleicht, inwieweit ich noch dran bin, an meinem Weg, dieses Leben ohne Brille zu meistern. Nun, ich kann euch versichern, ich bewältige meinen Alltag nach wie vor ohne Brille. Lediglich zum Autofahren setze ich mir die Kontaktlinsen ein und da ich das nicht so oft tue, erlebe ich den größten Teil meines Tages ohne Sehhilfe. 

Was ist daran so besonders mögt ihr euch fragen, da ich doch in Elternzeit bin und damit stets in einem gewohnten Umfeld?

Nun, ich verbringe meine Zeit durchaus nicht nur in meinem gewohnten Umfeld. Ich kann euch sagen, ich habe sogar 7 Tage an einem für mich völlig fremden Ort mit mir unbekannten Menschen verbracht und dabei für mich recht interessante Erfahrungen gesammelt.

Und zwar…habe ich diese 7 Tage im Yoga Vidya in Bad Meinberg zugebracht. Das ist ein riesiges Yoga-Center und zur Osterferienzeit, als meine Schwester, unsere Kinder und ich dort waren, waren weit mehr als 1000 Leute in diesen 4 Gebäudekomplexen unterwegs.

Für mich mit meiner immer noch bei – 2,75 und -2,5 Dioptrien stagnierenden Fehlsichtigkeit ergaben sich dabei die folgenden Herausforderungen:

Herausforderung eins: Ich war noch nie dort und kannte weder den Ablauf noch die unzähligen Räumlichkeiten des Centers.

Herausforderung zwei: Ich hatte einen straffen Tagesplan, da ich ein einwöchiges Seminar in Traumaarbeit absolviert habe, mit Wegzeiten jeweils von früh 7:30 Uhr bis 22:30 Uhr (mit Pausen für Yoga, Satsang, Mittagschlaf mit meinem Kind und Essen), welchen ich noch dazu mit der Kinderbetreuung zu koordinieren hatte.

Herausforderung drei: Ich kannte niemanden in meinem Seminar, d. h. in den ersten Tagen habe ich keinen von denen, die nicht in meiner unmittelbaren Nähe saßen, auf dem Gang beim aneinander Vorbeigehen erkannt.

Herausforderung vier: Mit Yoga kannte ich mich bis dato nur sehr wenig aus, will heißen, ich musste mir jede Übung sehr genau ansehen, um zu wissen, was ich da eigentlich zu machen habe.

Herausforderung fünf: Es gab nur zwei Mahlzeiten pro Tag in Buffetform (jeweils 11 Uhr und 18 Uhr). Zum einen war zur Osterzeit der Speisesaal gelinde gesagt, überfüllt und aufgrund dessen herrschte am Buffet, man kann dies aufgrund der sehr speziellen Essenszeiten durchaus verstehen,  eine Tendenz zum Hauen und Stechen. Aufgrund dessen fiel es mir anfangs schwer, zu erkennen, was es da eigentlich gerade zu essen gibt und so habe ich den ersten Tagen etwas schlecht abgeschnitten bei der Essensbeschaffung. In den letzten Tagen hatte ich allerdings den Bogen raus und wusste genau, wo ich den süßen Brei und die heiße Suppe zu finden habe, bevor diese alle sind.

Wie habe ich diese Herausforderungen gemeistert? Nun, in den ersten beiden Tagen hat meine Schwester mich dankenswerterweise zu meinem Seminarraum gebracht und dann abends wieder abgeholt. Zudem hat sie mich für meine Vormittagsyogastunde abgeholt und zum entsprechenden Raum begleitet. Meine Schwester hat mich sowohl bei der Kinderbetreuung meines kleinen Sohnes unterstützt, als auch beim Essen fassen und der täglichen Koordination mit dem Team Kinderbetreuung im Yoga Vidya.

Sehr interessant für mich war die Teilnahme am Seminar und zwar, weil ich ja zunächst nur die Gesichter derer erkennen konnten, die in meiner absoluten Nähe saßen oder mit denen ich persönlich interagiert habe. Ich glaube, ich war noch nie während eines Seminars so bei mir selbst wie bei diesem. Ich weiß nicht, ob jemand, der gut sieht und schon immer gut gesehen hat, das nachempfinden kann. Normalerweise sieht man, nachdem man etwas sagt oder tut, sofort die entsprechende Reaktion der Leute um einen herum in deren Gesichertn und reagiert wiederum darauf, indem man z. B. noch etwas näher erläutert oder vielleicht auch lieber schweigt. Kann man aber die Reaktion der Leute um einen herum als auch die Reaktion des Seminarleiters absolut nicht einschätzen, dann ist man bei allem, was man tut oder nicht tut, nur bei sich und agiert nur auf direktes, z. B. namentliches Ansprechen.

Nach einer Weile, wenn man sich daran gewöhnt hat, das Drumherum in einem unbekannten Umfeld nicht so genau zu sehen, setzen dann zwar die anderen Sinne ein, d. h. man fühlt, ob einen jemand anschaut oder zulächelt, aber der Effekt ist nicht so stark wie der visuelle und ich hatte den Eindruck, ohne meine Sehhilfe doch wesentlich mehr bei mir zu sein, als ich das von mir kannte.

Zudem hat sich durch das Nicht-Sehen natürlich mein Gruppenverhalten vollkommen verändert. Ich neige in Gruppen häufig dazu, für alle die gute Seele zu sein und eine familiär wirkende Gruppenharmonie herbeizuführen. Ich hatte auch dieses Mal das entsprechende Bestreben, welches sich dieses Mal aber nur auf einzelne Personen erstreckt hat und nicht auf die ganze Gruppe. Das war für mich nicht nur sehr entspannend, sondern auch sehr lehrreich und interessant zu erleben, dass es durchaus nicht unbedingt so eine Gruppenharmonie braucht für den Lerneffekt und die gemeinsamen Übungen.

Einen ganz profanen, aber umso erfreulicheren side effekt hat meine Entscheidung, auf die Brille zu verzichten, natürlich auch noch. Da ich mich so daran gewöhnt habe, ohne Brille zu sehen, kann ich nun endlich wieder Sonnenbrille ohne Sehstärke tragen. Wer schon mal Sonnenbrillen mit stärkerer Sehstärke gesehen hat: nun, die sind meistens hässlich und selten modern. Aufgrund der  Korrekturwirkung und des damit verbundenen größeren Gewichts der Gläser fallen die Gläser häufig recht klein aus. Ich habe mir nun also eine riesige, pinkfarbene Sonnenbrille gekauft und diese heute zum ersten Mal als modisches Accesoire getragen. Mann, war das ein tolles Gefühl! Jau!!! 🙂

Eure Jedida

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