Einfach nur sein

Dieser Tage komme ich so gar nicht in meine Kraft. Ich kann mich für weniges begeistern, bin müde und antriebslos. 

Neue Projekte zeigen sich in all ihrem Glanz und ihrer Pracht, um sich gleich wieder zu zerschlagen, noch ehe ein Handschlag in Richtung Gelingen getan. Neue Menschen treten in mein Leben, nur um eben so schnell wie sie gekommen sind, wieder zu entschwinden. Ich betrachte dies nicht distanziert, aber doch mit Erstaunen und Gelassenheit und weiß tief in meinem Inneren, dass – irgendwie – alles gut ist. Ich reflektiere und werde reflektiert. Ich schaue mir die Spiegel an, die mir vorgehalten werden und ich spiegele ebenso mein Gegenüber und jeweils erkenne ich einen Aspekt meiner Selbst im Widerschein des Anderen. Und doch ist mir ganz plötzlich und immer wieder einmal in all diesen Prozessen…die Freude abhanden gekommen. 

Wo ist sie? Die Freude, dieses Gefühl, welches mich gleich morgens voller Enthusiasmus aus dem Bett springen lässt? Die Freude, die mich vorm Kleiderschrank nach den wildesten und verrücktesten Farben und Kleidungsstücken suchen lässt, die dennoch nicht ausdrücken können, wie „bunt“ ich mich gerade fühle. Die Freude, welche mich jeden Schritt beschwingt und dennoch mit Leichtigkeit tun lässt; mir spontan ein Lächeln auf‘s Gesicht zaubert und mich durch den Tag gleiten, ja förmlich schweben lässt.

Ja, genau, diese Freude. Wo ist sie? Auf welchem Stück meines Weges habe ich sie wieder einmal verloren?

Ich liege auf dem Bett. Nach dem ich mich von einer Sitzgelegenheit zur nächsten geschleppt, nebenbei versucht habe, mich mit Essen wach zu bekommen, habe ich es gerade noch bis zum Bett geschafft. So liege ich und frage Gott, was bitte läuft denn gerade falsch bei mir. So liege ich und stelle meine Fragen.

Da höre ich plötzlich eine leise Stimme in meinem Kopf:

Erfahre die Freude im einfach nur sein“.

Gerade will ich mit Gott argumentieren, wie das bitte gehen soll, da höre ich:

Denk nicht darüber nach, was du nicht hast.

Denk darüber nach, was du hast“.

Mit Gottes liebevoller Stimme zu argumentieren ist in sich nicht möglich, also lasse ich mich einfach auf dieses Denkspiel ein.

Ok. Ich liege hier. Mit einem Stift in meiner Hand. Ich habe eine Hand. Eine gesunde Hand, die einen Stift halten kann, die schreiben kann. Ich liege. Auf einem weichen, bequemen Bett. Das Fenster ist offen. Frische, kühle Luft weht herein. Ich hebe meine Augen. Ich sehe einen Baum. Seine Blätter sind noch grün. Der Baum steht in einiger Entfernung, aber er ist da. Mein Kind springt um mich herum und einige Male auch auf meinen Rücken. Ich habe ein gesundes Kind. Es tobt und springt. Es ist voller Lebensenergie. Ich fühle meinen Körper. Meinen Bauch. Meine Beine. Meine warme und kuschelige Decke.

Ok, Gott, ich habe verstanden, was du meinst. In diesem Modus des Wahrnehmens spüre ich wieder mich, einfach nur mich ohne Gefühle, ohne Bewertung. Nicht Gefühle, sondern fühlen. Nun fallen mir auch Erlebnisse ein, die heute positiv waren. Einige Dinge. Ich fange an, mich besser zu fühlen. Mich überhaupt zu fühlen.

Das mit dem im Hier und Jetzt leben – so einfach und doch so schwer. Warum ist das  eigentlich so kompliziert? Wieso verweile ich so oft in Zukunft oder Vergangenheit? Was genau tue ich dort?

  1. AufzählungszeichenIch reflektiere Dinge, die gewesen sind.

  2. AufzählungszeichenIch plane Dinge, die sein werden.

  3. AufzählungszeichenIch probiere eine Zukunft an, die sein könnte.

Genau das ist der Grund, warum ich die Freude unterwegs so oft verliere: ich bin nicht hier und ich bin nicht jetzt, ich bin gestern und vorgestern und morgen und übermorgen und wenn es geht, dann auch noch in einem halben Jahr.

Ok, dann BIN ICH einfach gerade mal, so wie ich heute bin. Ja, es darf auch mal Phasen geben, in welchen alles ruhig, träge und ohne Projekte ist. Hier und Jetzt hat alles seinen Platz. Wie oft war das so und danach kam eine Phase hektischer Betriebsamkeit, in welcher ich über die ereignislosen, ja quasi faulen Tage im Nachgang froh war.

In der Theorie ist das mit dem Im-Hier-und-Jetzt-Leben alles klar und logisch. Aber ich habe gefühlt, was damit gemeint ist. Meine Gefühle wie Trauer, Schwäche oder Zukunftsangst halten mich davon ab, MICH ZU FÜHLEN. Wenn ich also sage: ich fühle mich besser, meine ich nicht zwangsläufig, es geht mir gut, sondern ich fühle jetzt mehr MICH an Stelle all dieser Gefühle.

Vielen Dank lieber Gott für diese, deine Erinnerung. Lieber Gott, danke, dass du an meiner Seite bist, dass du an unserer aller Seite bist. Ich danke dir. Es geht mir gut. Ich liebe dich.

Deine Jedida

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *