Die Wurzel allen Übels

Kurzgeschichten


Still berühren ihre Finger das Display ihres Smartphones. Die kleine rote Taste: Gespräch beendet.

Wie betäubt liegt Rianna im Bett. Tränen brennen heiße Spuren in ihr Gesicht, die Stimme erstickt, als ein kaum hörbares und nach Fassung ringendes „Gute Nacht“ ihre raue Kehle verlässt. Ein Kloß steckt fest im Hals. ‚Ich muss es runterwürgen, sonst ersticke ich daran‘. Wie ferngesteuert begibt sich Rianna in die Küche. Da steht er noch auf dem Tisch, der vegane Apfelkuchen mit Sojamehl und Mineralwasser gebacken. Wortlos stopft sie sich ein Stückchen nach dem anderen in den Mund. Sie kann den Geschmack nicht wahrnehmen, aber der Kloß im Hals rutscht langsam nach unten, wird zum Stein im Magen.

Wieder einmal habe ich etwas gegessen, anstatt die Süße des Lebens zu kosten, anstatt den Duft seiner Haut zu atmen, anstatt seine starken Arme um meinen Körper zu fühlen‘.

Langsam schleppt sie sich wieder ins Bett. ‚Nach 18 Uhr sollte man echt nichts essen. Oder war es 20 Uhr, 21 Uhr‘?  Egal, sie fühlt den Panzer um sich herum wieder deutlicher. Jede Traurigkeit, jede Angst vor Verletzung lässt den Schutzmantel wieder wachsen. ‚Ob es jemals etwas genutzt hat? Mich wirklich geschützt hat? Nein Körper, ich hasse dich nicht dafür, aber ich fühle mich ohnmächtig und hilflos und auch wenn die Verstandeszentrale Meldung gibt, dass jetzt Yoga ganz angebracht wäre, die Enttäuschung besser abgebaut würde und sich sicherlich ein besserer Schlaf einstellen würde, kann ich mich nicht dazu aufraffen. Keine Energien mobilisieren. Jetzt, so kurz vor Mitternacht. Wird der Stein im Bauch eben bleiben müssen‘.

Was ist eigentlich passiert? Rianna beruft ein Notfallmeeting ein.

„Verstand? Anwesend.

Gefühl? Anwesend.

Ängste? Mehr als anwesend.

Herz? Mit Krückstock und Prothesen, aber anwesend.

Stiller Beobachter? Anwesend.

Richter, Ankläger, Verteidiger? Ja verdammt, alle anwesend.

Vermittler? Brauchen wir denn einen‘?

Rianna muss kichern. Es ist ein verhaltenes und verzweifeltes, fast krankhaftes kichern. Zum Glück kann uns keiner hören, sonst kommen doch noch die Männer mit der weißen Jacke und nehmen uns alle mit. Multiple Persönlichkeit, Schizophrenie oder Borderliner, in welche Schublade würde man uns stecken und hätten wir dort alle Platz? O Mist, fast hätten wir den Protokollführer vergessen. Okay, jetzt kann es losgehen“.

Die Gedanken, die früher immer im Hamsterrad gelaufen sind, haben ihre eigene Welt erschaffen. Eine neue Welt des Ausdrucks und der Kommunikation, eine jede Stimme findet Gehör, jeder Aspekt darf seine Wünsche und Bedenken anmelden. Gemeinsam wird reflektiert und eine Bestandsaufnahme vorgenommen, anstatt zu verurteilen und in Selbstmitleid zu verfallen. Gut, so fühlt sich Rianna sicher, die Situation noch einmal Revue passieren zu lassen, die sie so aus dem Gleichgewicht gebracht hat, in der sie sich so sehr abgelehnt und missverstanden gefühlt hat.

Ich bin doch nicht mal richtig verliebt, so mit Rumschweben auf Wolke sieben. Aber abhängig. Körperlich auf jeden Fall. Seelisch? Keine Ahnung. Wie ein Junkie auf Entzug. Ich vermisse ihn, vor allem in seinen Armen zu liegen, seine Haut auf meiner zu fühlen. Ihn in mir zu spüren, auf allen Ebenen mit ihm verbunden zu sein. Allein der Gedanke daran lässt einen Schmerz durch meinen Körper fahren. Verlust. Komisch, warum löst die Erinnerung an unsere Berührungen eigentlich kein Wohlgefühl aus? Panik macht sich im Herzen breit. Es sticht und zieht gewaltig. Er will dich nicht sehen, du lenkst ihn von seiner Arbeit ab. Wusch, wie Pfeile bohren sich diese Worte ins Herz. In mein Herz. In unser Herz.

Aber er hat doch erklärt, warum er dich nicht sehen will. War doch alles super einleuchtend auf dem Rationalitäts­Sektor.

Aber ich wollte hören, wollte fühlen, dass auch er mich vermisst, auch er mich gerne sehen und spüren möchte. Wollte mich angenommen wissen mit meiner Sehnsucht und keine Erklärungen hören, warum wir uns nicht sehen können. Sollen. Dürfen. Wie klar es jetzt erscheint, ich wollte keine Lösung für mein Problem, ich wollte es nur angenommen wissen. Mich angenommen wissen. Von mir, aber auch von ihm. Stattdessen fühle ich mich zurückgewiesen. 1000 Bilder steigen auf, von Situationen, wo ich mich innerlich an einen Mann gebunden habe, mich hingegeben habe, mich fallen gelassen habe und fallen gelassen, zurückgewiesen wurde.

Aber ehrlich, so wie du am Telefon immer rumjammerst, das ist doch klar, dass kein Mann sich das anhören mag.

Und warum ist das so? Dass ich jammere, mich elendig und nichtwürdig fühle, sobald ich innerlich zu einen Mann ja sage. Warum verliere ich mich selbst, meine Lebendigkeit, meinen Liebreiz, meine Träume, meine Inspiration? Warum werde ich an der Seite eines Mannes zu einem Schatten meiner selbst, werde mürrisch und traurig, wütend und Feuer speiend? Auf welchem Kriegsschauplatz bin ich eigentlich unterwegs? Ich fühlte mich ausgelaugt und energielos in den meisten Beziehungen, wenn die ersten Verliebtheitsphasen abgeklungen waren, die erfrischende Lebendigkeit der Starre gewichen war. Wer oder was raubt mir meine Energie und lässt mich so hilflos werden, mich wie ein verdammtes Opfer fühlen. Ja, das hab ich auch noch nicht transformiert, diese blöde Opferrolle. Irgendetwas will da noch gesehen werden. Und du, Mister Verstand, kapierst das einfach nicht. Das ist wohl nicht dein Business‘.

Rianna nimmt wahr – das ganze Spektrum ihrer Gefühle, die ein Fühlen kaum noch möglich machen, hört die Stimmen und Argumente im Kopf, fühlt wie jede Zelle ihres Körpers sie spüren lässt, was gerade ist, was sich angesammelt hat, was endlich in Frieden losgelassen werden möchte. ‚Und wieder mal, er kann nix dafür. Wollte vielleicht nur ein Problem rational und praktisch lösen. Hey, war das nicht früher immer mein Part? Argumente statt Gefühle? Wie oft hatte ich schon den Hörer auf die Gabel geknallt, wenn meine Schwester mir ihre Gefühle um die Ohren gehauen hat und wollte nicht (zu)hören, sondern vielmehr alles ganz sachlich lösen? Manchmal geht es eben nicht um die Lösung. Es geht auch nicht darum, das Problem behalten zu wollen. Es geht einfach nur um die Annahme. Da bleiben, auch wenn es weh tut. Sich in die Augen blicken, auch wenn Sehnsucht und Schmerz zu sehen sind. Es gibt nicht zu tun, nichts cleveres zu sagen. Ich sehe dich, ich sehe mich. Ich bin da und halte es aus. Nichts beschönigen, nichts verteufeln, nichts retten, nichts wegdrücken und zukleistern, keine Ablenkung. Einfach so sein und liebevoll betrachten. Er hat nichts falsch gemacht. Oder doch? Er hätte einfach nur sagen können, dass er mich versteht, vielleicht, dass er mich auch vermisst. Aber wenn er nun diese Gespräche immer wieder zu negativ empfunden hat und kraftraubend, weil man eben 600 km nicht in wenigen Minuten überwinden kann, zumindest noch nicht körperlich, warum soll er sich dann nicht auch mal abgrenzen dürfen? Nein, mit Rationalität ist mein Herz auch nicht zu trösten… Es geht auch nicht um ihn, was er falsch oder richtig macht. Es geht um meinen Schmerz. Diesen Weltschmerz. ER will heilen, will Frieden finden, aber auch der Frieden hat seinen Preis. Alles will angesehen und geliebt werden. Auch die Kacke, die sonst keiner anschauen mag. Dieser Energiemangel, dieses sich im anderen verlieren und mein Abkommen vom Weg, was hat es damit auf sich? Meine Angst vor Zurückweisung, die sich zwangsläufig immer wieder im Außen manifestiert? Diese körperliche Abhängigkeit und Bedürftigkeit, ich will das alles nicht mehr, das ist so alt. Es kommt mir vor wie ein Fluch, ein alter Fluch, der wie eine Drohung in den Ohren hallt: Die Bibel, 1. Mose 3:16: Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein. 1. Timotheus 2:11-15 Ein Weib lerne in der Stille mit aller Untertänigkeit.  12 Einem Weibe aber gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei. 13 Denn Adam ist am ersten gemacht, darnach Eva. 14 Und Adam ward nicht verführt; das Weib aber ward verführt und hat die Übertretung eingeführt. 15 Sie wird aber selig werden durch Kinderzeugen, so sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung samt der Zucht.“

Rianna setzt sich auf im Bett, zieht die Knie zur Brust, zieht die Bettdecke hoch und legt sie schützend auf ihren Körper, schlingt ihre Arme um ihre Beine. Alles spricht in ihr, mit ihr, um sie herum. Ich, du, er, wir… Ein wenig schwindelig wird ihr, das Treffen aller Stimmen in ihrem Kopf wird nun langsam doch ein wenig anstrengend, aber es trägt sie fort, von dem im Moment gefühlten Schmerz, der Verzweiflung und dem Sich-ausgeliefert-Fühlen. Führt sie in die Welt aus eigenen Erfahrungen, die eng verwoben sind mit kollektiven Mustern, Bildern, Energien. ‚Sind die Bibelworte eine Warnung oder ein Fluch? Oder gar ein Freibrief für die Männer, sich die Frauen zu versklaven? Aber warum lassen sich das auch so viele, sogar schöne und kluge Frauen gefallen? Was wirkt hier, dass diese Kraft so stark ist, dass es so unmöglich erscheint, sich aus diesen Fesseln der Sklaverei zu befreien? Fakt ist, dass dieses Elemental Frauen und Männer trennt. Den perfekten Nährboden für Kriege liefert. Ja, wie sollen ganze Nationen im Frieden leben, wenn Mann und Frau noch immer auf alten Kriegs­schau­plätzen sich bekämpfen und dabei beide verlieren. Wenn in mir noch Kämpfe toben und ich selbst nicht in Frieden mit mir und meinen Erinnerungen bin. Den Gefühlen, die meine Erinnerungen hervorrufen. Den Bewertungen meiner Erlebnisse, die Gedanken und Gefühle hervorgerufen haben. Okay. Gut. Ich werde aufräumen. Werde alles in die Hände meines Herzens nehmen, mit den Augen meines Herzens betrachten und alle Bewertungen abgeben. Eine weitere Bestandsaufnahme meines Lebens. Meiner Männer, meiner Verletzungen. Wie oft hab ich die schon hervorgeholt und in eine andere Schublade geräumt, in ein anderes Zimmer getragen? Ich sehe die Zimmer des Hauses, in dem ich wohne. Ja, da mach ich das auch seit Jahren so. Alles von links nach rechts, oben nach unten räumen und doch findet nichts den rechten Platz. Warum eigentlich? Weil es nicht mehr zu mir gehört, weil es Zeit ist, vieles aufzugeben und loszulassen und endlich mit leichten Gepäck zu reisen. Dahin, wo alles seinen Platz hat und übersichtlich ist. Morgen. Morgen werde ich mir mein Tagebuch schnappen, ja ganz bestimmt und werde anfangen mit den Aufräum- und Ausräumarbeiten meiner Seele.

Müde sinkt Rianna auf ihr Kopfkissen. ‚Ja Morgen, morgen wird alles gut. Und wenn es morgen gut sein wird, dann ist es das auch schon heute. Und gestern‘. Ein Engel deckt sie zu mit seinen sanften Flügelschwingen. Ihr Kopf sinkt in ein Wattemeer aus weichen Wolken. Wie ein Mantra murmelt sie die Worte. Alles istgutAlles ist gut. Alles ist gut. … Und das ist es dann auch.

Silviana, 05.10.2014

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