Alte Muster

Kurzgeschichten über die Liebe und das Leben


Morgen ist wieder ein schwieriger Tag für mich. Ich gehöre zu den Leuten, die gerne Probleme vor sich herschieben. Und die vor unangenehmen Terminen mindestens eine Nacht, wahrscheinlicher aber viele Nächte vorher nicht schlafen können. An solchen Tagen, also Tagen vor Terminen, geht’s mir immer richtig schlecht. Ich esse dann sehr viel und kann ganz schlecht abschalten. Ich hab dann die ganze Zeit über so ein mieses Gefühl. Meistens Bauchschmerzen und manchmal könnte ich sogar heulen. Aber vor allem kann ich nicht aufhören zu denken. Ich hasse das, weil ich mich dann immer wie gelähmt fühle. Und gefangen. Gefangen im Rad meines Gedankenkarussells. Ich kann mich zu nichts aufraffen. Könnte nur schlafen, aber nicht in Ruhe, sondern nur vor Schwäche. Wirklich gruselig diese Tage. Ich krieg’s dann nicht mal auf die Reihe, ans Telefon zu gehen oder einzukaufen oder abzuwaschen oder mich zu duschen. Zähle nur die Zeit, die mir noch verbleibt.

Wo muss ich morgen hin? Arbeitsamt. Ok. Ja, ich muss zum Arbeitsamt. Agentur für Arbeit heißt es korrekt. Ich bin ohne Arbeit. Arbeitsuchend. Ich suche Arbeit. Ich beziehe Arbeitslosenunterstützung. Na und? Es ist halt so. Es ist nicht so, dass ich keine Stelle finden könnte. Ich könnte sicher. Das ist nicht das Problem. Ich bin wirklich gut ausgebildet. Hab gute Zeugnisse. Hab ’nen Studienabschluss. Hab sogar Berufserfahrung. Hab Referenzen. Kann gut Bewerbungen schreiben. Kann mich gut verkaufen. Das kann ich wirklich gut. Hab noch nie ’ne Stelle nicht bekommen, die ich wollte. Das ist nicht das Problem, wie gesagt. Mein Problem ist, dass ich nicht weiß, was ich will. Das ich nicht weiß, was ich wirklich will. So ist es. Ich, weiblich, Akademikerin, 32 Jahre alt, keine Kinder, ich weiß nicht, was ich will. Was ich im Leben will. Was für einen Mann ich will. Welchen Job ich will. Wo ich leben will. In welcher Stadt, in welchem Land, auf dem Dorf, in der Großstadt – keine Ahnung. Will ich Kinder, will ich Karriere, will ich Luxus, will ich das einfache Leben – das große Rätsel.

Ich weiß, es hört sich verrückt an. Aber ich bin selbst schuld daran, dass ich meinen Job verloren habe. Wenn ich ehrlich sein soll, dann hab ich meinen Chef angefleht, mich betriebsbedingt zu kündigen. Hat lange gedauert, ihn zu überzeugen. Ich weiß nicht, wie viele tränenreiche Gespräche er über sich und ich über mich ergehen lassen musste bis er zugestimmt hat. Ich meine, er hatte die Wahl, Kündigung oder längere Krankheit meinerseits. Denn dass ich derzeit nicht ganz normal bin, das muss ihm nach einer Weile auch aufgefallen sein. Dann hieß es noch bis zum Ende der Kündigungsfrist durchzuhalten. Zum Glück hatte ich noch etwas Resturlaub und Überstunden, sodass die Zeit bis zu meinem letzten Arbeitstag relativ schnell vorüberging. Irgendwie war es auch erleichternd zu wissen, dass ich endlich mal etwas Luft zum Atmen haben würde, sobald ich nur jeden Tag zu Hause wäre.

Ich meine, fast jeder, der einen Job hat, kennt das ja. Man arbeitet bis zum Umfallen und dann, abends, wenn man nach Hause geht, dann tut man das mit einem schlechten Gewissen, weil man wieder nicht alles geschafft hat. Wenn man einen guten Tag hat oder ein Wochenende vor sich, dann nimmt man halt etwas Arbeit mit nach Hause. Dort kann man wenigstens im Bett arbeiten und ungestylt und ungewaschen rumlaufen. Da kann man mit ungeputzten Zähnen arbeiten. Zwischendurch mal ein Nickerchen halten, einen Happen essen und ein kurzes Telefonat mit Freunden. Ja, ich kann heut Abend auch nicht. Sitz auch mit Arbeit zu Hause. Aber vielleicht nächste Woche Donnerstag. Ah, da geht’s bei euch nicht. Mhh, wie wär’s dann übernächsten Freitag. Da hast du ein Wochenendseminar. Vielleicht nächsten Monat. Na, wird schon werden. Wir hören voneinander. Wen schert’s, solange du Montag früh nur alles fertig hast und wieder bereit bist für die Arbeit.

Warum soll man auch Leute persönlich treffen. Reicht doch, wenn man regelmäßig mit seinen Freunden telefoniert. Ist ja auch irgendwie von Vorteil. Keiner merkt, dass du schon wieder zugenommen hast. Keiner sieht die dicken schwarzen Augenringe. Die meisten Freunde sind ja eh wegen der Arbeit weggezogen. Wenn du Glück hast, nur nach Bayern, wo’s noch Arbeit gibt. Wenn du Pech hast, dann sind sie im europäischen Ausland. Und wenn du ganz großes Pech hast, dann sind sie im Amiland oder in Japan. Andere Freunde sind verheiratet und haben kleine Kinder und viel zu tun mit den kleinen Kindern. Reden über kleine Kinder, können nicht ausgehen, haben keinen Babysitter für die Kinder.

Aber wozu braucht man auch so viele Freunde, wenn man eh keine Zeit hat. Das heißt, Zeit hat man schon hin und wieder, aber keine Kraft, keinen Drive, null Energie. Meinen Fitnessvertrag hab ich schon vor langer Zeit gekündigt. Ist ja witzlos, jeden Monat ein ordentliches Sümmchen Beitrag zu zahlen, wenn man eh immer zu müde ist, um zu trainieren. Nicht, dass ich’s nicht probiert hätte. Aber wenn man dann auf dem Stepper steht, den rechten Fuß nach unten drückt und dann den linken und alle Naselang auf das Display starrt, warum um Himmels willen die 10 Minuten immer noch nicht vorbei sind, dann kann man’s auch lassen. Zusätzlich jeden Abend dieses miese Gefühl, könntest ja heute endlich mal zum Training gehen, warst ja den ganzen Monat noch nicht. Aber dann der Gedanke an Petra und Ines, die wirklich jeden Abend trainieren gehen. Hab keine Lust nach meinem langen Tag noch Smalltalk mit den beiden machen zu müssen. Die sind so lästig. Wollen andauernd quatschen und das während des Steppens, wo ich eh schon kaum Luft bekomme. Alle paar Sätze erwarten die ein „Aha, wirklich?“ und „Was du so alles machst!“ oder wenigstens ein „Mhh“. Ich bin einfach zu höflich. Ich kann keinen vor den Kopf stoßen. Nicht einmal Petra und Ines aus dem Fitnesscenter, obwohl ich die beiden eigentlich noch nicht mal gut kenne. Nicht weiß, was die arbeiten oder ob sie Geschwister haben. Aus Höflichkeit kenne ich mittlerweile jede Diät, die die beiden probiert haben und jeden Kerl aus dem Fitnesscenter, mit dem eine von beiden mal irgendwann etwas hatte. Fitnesscenter war also irgendwie nichts für mich.

Um wenigstens irgendwas für die Figur zu tun, hab ich mich dann entschlossen, mit dem Fahrrad auf Arbeit zu fahren. Ich meine, hinfahren musste ich ja sowieso irgendwie, also könnte ich dabei auch gleich etwas für meinen Body tun. Das Problem ist nur, ich hatte keine Ahnung, wie sehr einen 11 km Arbeitsweg ins Schwitzen bringen können. Ich hatte dann aber gleich am nächsten Tag eine Lösung parat. Wechselsachen in den Rucksack und auf der Arbeit angekommen schnell unter den Armen waschen und umziehen. Das habe ich dann solange durchgehalten, bis es 5 Tage hintereinander geregnet hat. Danach konnte ich mich lange Zeit überhaupt nicht mehr zum Fahrradfahren aufraffen. Als ich mich das nächste Mal zum Fahrradfahren gezwungen habe, war es bereits Anfang November. Ein neues Problem tat sich auf. Spätestens nach 3 Kilometern hatte ich vor lauter Kälte kein Gefühl mehr in meinen Füßen, meine Augen tränten unaufhörlich und meine Nase lief. Als ich dann endlich auf Arbeit ankam, war mein Makeup ruiniert und meine Haare unter der Mütze so verknautscht, dass ich mich trotz einer schnellen Aktion vor dem Spiegel den ganzen Tag total unwohl gefühlt habe. Auf jeden Fall nicht wirklich vorzeigbar. Abgesehen davon hatte ich nach diesen Aktionen wirklich jede Lust am Fahrradfahren verloren.

Die nächste Figurerhaltungsstrategie, die ich an mir selbst erprobte, war die MBT-Methode. Ich kaufte mir kurz entschlossen ein paar sündhaft teure MBT-Schuhe und bin dann jeden Abend 2 Stunden durch die Stadt MBT-en gegangen. Wer diese Schuhe nicht kennt hier eine kurze Beschreibung. Diese Schuhe haben eine ballrunde Schuhunterseite, das heißt, du trittst als erstes mit der Ferse auf und rollst dann bei jedem Schritt so richtig mit den Füßen ab, fast so wie beim Barfußgehen im Sand. Korrekt ausgeführt ist das richtig anstrengend. Sieht etwas lächerlich aus, ist aber überall ausführbar, wo man auf halbwegs gerader Strecke laufen kann. Sollte vorzugsweise im Dunklen ausgeführt werden, dann wundert sich niemand über den etwas übertrieben wirkenden Gang und die klobig-hässlichen Schuhe. Hat einen großen Vorteil, diese Methode. Man kann wunderbar Musik hören dabei und kommt nur ein bisschen aus der Puste. Man schwitzt zudem kaum und der Bereich unterhalb des Allerwertesten wird nach einer Weile richtig straff. Tatsächlich. Leider hab ich dann trotz aller Erfolge für meine Figur von heute auf morgen vollständig damit aufgehört. Es hing mir nämlich zum Halse heraus. Ich hatte einfach keine Lust mehr.

Wenn ich nicht gerade arbeitete, dann befand ich mich im Dauerkriegszustand mit meinem Körper. Zusammengerechnet ca. 3 Stunden Kampf mit meinem Körper jeden Tag. Mein Tagesablauf sah quasi so aus. 5 Uhr. Erstes Weckerklingeln. Schnell aufstehen und das bereits am Vorabend geknetete Vollkornbrot in den Ofen schieben. Wecker 15 Minuten weiterstellen. 5:15 Uhr. Zweites Weckerklingeln. Wecker 15 Minuten weiterstellen. Mit geschlossenen Augen schlanke Figur visualisieren. Mir fest vornehmen, heute nur Gesundes zu essen, alles 30 mal zu kauen und nichts mehr nach 17:30 Uhr zu essen. 5:30 Uhr. Zur Toilette gehen und dann wiegen ohne Sachen. Gewicht in meine monatliche Gewichtskurve eintragen. Die Anzeige der digitalen Körperfettwaage legt fest, was für einen Tag wir heute haben. Unter 67 kg einen guten Tag, über 70 kg einen schlechten Tag, über 74 kg das Ende der Welt. Dementsprechend hart fällt auch die morgendliche Gymnastik aus. Gymnastik bis 6 Uhr. Dann schnell Brot aus dem Ofen, Wasserkocher anschmeißen. 1 1/2 Liter Entschlackungstee kochen und türkischen Kaffee. Es gibt nichts besseres als türkischen Kaffee, um den morgendlichen Appetit zu unterdrücken. Dann schnell Gemüse schnippeln für den mittäglichen Salat und Möhrensticks und Apfelspalten für den kleinen Hunger zwischendurch. Schluck Kaffee. Schnell zwei Scheiben frisches Brot abschneiden, in Papier einwickeln. Brot, Tee, Salat, Obst- und Gemüsesticks ab in meine Maxi-Umhängetasche. Schluck Kaffee. Duschen. Schluck Kaffee. Haare stylen. Augenringe und graue Haut abdecken. Rosa Wängchen mittels Rouge zaubern. Letzten Schluck Kaffee. Kontaktlinsen rein. Zähne putzen. Ab auf Arbeit.

7:30 Uhr. Auf Arbeit. Hunger bis 10 Uhr mittels Kaffee und Tee unterdrücken. Dann langsam Apfelspalten rein quälen. Äußerst unbefriedigend. Immer noch Hunger. 11:30 Uhr kurz vorm Hungertod. Salat rein schlingen. Immer noch Hunger. Mittagspause. 25 Minuten Spazierengehen an frischer Luft. Kaffee. Arbeit bis 16 Uhr. Kurze Pause. Langsam kauend mir 2 Vollkornbrotscheiben einverleiben. Wieder Kaffee. Arbeit bis ich keine Lust mehr habe. Heimfahren. 30 Minuten Bauchübungen. 45 Minuten Meditieren und mir einsuggerieren, dass ich schlank und glücklich bin und mich wohlfühle. Telefonieren mit Freunden. Mit den Eltern. Was Lesen. Wiegen. Gewicht in Gewichtskurve notieren. Je nach Gewicht: 30 bis 60 Minuten joggen. Zähne putzen. Kontaktlinsen raus. Möglichst zeitig zu Bett gehen, um nicht in Versuchung zu kommen, doch noch etwas zu essen. Bis zum Einschlafen schlanke Figur visualisieren. Magenknurren unterdrücken. Schlafen. Im Schlaf abnehmen…

Unerklärlicherweise hab ich trotzdem von Jahr zu Jahr zugenommen. Frustspeck angesetzt. Mich immer mehr von anderen zurückgezogen. Mein Strahlen verloren. Mich von meinem letzten Freund verlassen lassen. Vor 17 Monaten. Bin ganz unglücklich geworden. Hab angefangen mich zu fragen, ob ich jemals etwas getan habe, was ich wirklich möchte, was mich glücklich macht. Hab angefangen, mich zu fragen, wozu ich jeden Früh aufstehe. Warum ich verzweifelt versuche, mager zu sein, obwohl mich ja doch keiner sieht. Warum ich eine Bikini-Figur haben will, obwohl ich schon seit ewigen Zeiten nicht mehr schwimmen war. Warum ich alles Geld, was ich verdiene, sofort wieder ausgeben muss. Für Make-up, Schmuck, Taschen, Jacken und Schuhe, Schuhe, Schuhe. Alles Kram, den man unabhängig vom jeweiligen Gewicht nutzen kann. Warum ich andauernd die Wände meiner Wohnung in immer grelleren Farben streichen muss. Wozu ich einen Lockenstab brauche, wo ich doch schon einen Haar-Glätter habe. Wofür ich einen ganzen Kleiderschrank voll mit zu engen Hosen und Röcken habe, in die ich mich schon seit ewigen Zeiten rein zu hungern versuche. Warum ich es erstrebenswert finde, immer härter zu arbeiten, um immer mehr Geld zu verdienen, was ich für immer mehr unnützen Kram ausgeben kann. Warum um Himmels willen ich jemals einen sicheren Job haben wollte. Einen Job, der mir bis zu meinem 67. Lebensjahr sicher sein wird. Der mir Prestige gibt. Mit dem ich finanziell gut abgesichert bin. Der mich stresst. Mich unglücklich macht. Mir zum Hals raushängt.

Jetzt bin ich ihn los diesen Job. Seit 1 1/2 Monaten schon. Und ich hab immer noch keine Idee, was ich möchte. Hab nie gelernt, zu wissen was ich möchte. Was meine Bedürfnisse sind. Hab solange das gemacht, was andere für mich für richtig hielten, dass ich, selbst wenn ich tief in mich hineinhorche, keine Ahnung hab, was da drinnen, in meinem Innersten vor sich geht. Da ist einfach nichts. Nichts außer Pflichtbewusstsein. Anderen gefallen wollen. Anderen möglichst alles recht machen wollen. Konflikte vermeiden wollen. Kein Risiko eingehen wollen. Wenn man mich spontan fragen würde, was ich mir für die nächste Zeit wünsche, dann wäre meine Antwort: In-Ruhe-gelassen-werden, Harmonie, schlafen. Da muss doch aber mehr sein, oder? Ich meine, mehr sein, als so langsam und sicher auf seinen eigenen Tod hinzuarbeiten oder hinzu-schlafen, nicht wahr? Was mache ich hier? Was ist meine Aufgabe in diesem, meinem Leben? Wozu stehe ich jeden Tag auf? Das muss doch einen Sinn haben. Das muss doch irgendwie Spaß machen. Sonst weiß ich nicht, ob ich morgen überhaupt noch aufstehen möchte. Ob ich nicht lieber schlafen würde bis alles vorbei ist. Die Welt sich weiterdreht. Ohne mich.

Von meinem furchteinflößenden Termin trennen mich nur noch wenige Stunden. Ich hab den Tag und die halbe Nacht zugebracht mit Grübeln, mit Schlafen, mit Angst haben. Bin immer wieder aus dem Schlaf aufgeschreckt mit quälenden Gedanken an die Zukunft, an die Vergangenheit, an die Gegenwart. Mein Dahinvegetieren.

Der Wecker schrillt. Es ist soweit. Ich dusche mich. Putze Zähne. Ziehe mich an. Kämme meine ungewaschenen Haare. Kann mich nicht zwingen, sie zu waschen. Kann nichts essen. Kann nichts trinken. Übergebe mich in rasender Angst zweimal in die Toilette. Putze wieder Zähne. Packe meine Unterlagen zusammen. Steige in den Bus. Fahre. Zu dem großen, grauen Gebäude mit den langen, stickigen Gängen. Reihe mich ein in das Heer Arbeitsuchender, Arbeitsloser, Nichtarbeitsuchender, Noch-nicht-Arbeitsloser. Melde mich brav an, zeige meine Karte vor. Die Karte mit der Nummer, die sie mir gegeben haben. Die Nummer für meine Akte, für meinen Fall. Die Nummer, zu der ich geworden bin. Begebe mich in den Warteraum. Geselle mich zu denen, die auch eine Nummer haben. Warte. Ertrage Gerüche. Schweiß. Angstschweiß. Verschiedene Sorten Aftershave, Parfüm und Haarspray. Nikotingeruch an Kleidung. Es gibt kein Fenster. Zeit zieht sich wie Kaugummi.

Ich bin nun ruhig. Ganz ruhig. Meine Strategie steht fest. Ich werde zu allem ja sagen. Ich werde alles befolgen. Das ist nichts Neues für mich. Das kann ich sehr gut. Anweisungen befolgen. Nur diesmal wird alles ein wenig anders sein. Ich werde ja sagen, aber nein meinen.

Ich habe Glück. Ich habe einen Termin. Meine Wartezeit ist schneller vorbei als die der anderen, die schon vor mir da waren und sich bereits häuslich niedergelassen haben. Die sich die Zeit mit Lesen vertreiben und Tee aus der Thermoskanne trinken. Die ihren Kindern hinterherlaufen, welche versuchen, ein Amtszimmer nach dem anderen zu öffnen. Die mit geschlossenen Augen auf ihren Aufruf warten. Und die, welche im Eiltempo vom Rauchen kommen und fürchten, ihren Aufruf verpasst zu haben. Die auf den schwerfälligen Beamten schimpfen, der die Teeküche mit einer dampfenden Tasse Kaffee verlässt. Die sich lautstark über die älteren Beamtinnen mokieren, die ungeniert auf dem Gang über ihre Pläne für das sonntägliche Mittagessen palavern.

Ein junges blondes Amtspersönchen holt mich ab. „Frau Groß bitte. Bitte kommen Sie mit mir“. Ein schönes Zimmer. Ich zähle 12 Grünpflanzen während die Junge mir freundlich lächelnd ihren Namen nennt. Mir erläutert, was sie mit mir vorhat. Scheint nett zu sein. Und harmlos. Wahrscheinlich noch nicht so lange in Amt und Würden. Sie redet. Ich nicke. Sie fragt. Ich antworte. Sie will meine Bewerbungen sehen. Ich zeige sie ihr. Die Unterlagen sind gut, betont die Junge. Da müsste sich doch recht bald was finden lassen. Wenn nicht in der Region, dann doch auf jeden Fall bundesweit. Ich nicke. Na klar. Sie legt mir Papiere vor, die ich unterschreiben soll. Vereinbarung. 15 Bewerbungen pro Monat. In Ordnung. Ich unterschreibe zwei Exemplare. Eins für sie. Eins für mich. Sie händigt mir drei Stellen aus. Binnen drei Tagen habe ich mich zu bewerben. Ok. Nächster Termin wird zugeschickt. In einem Monat. Ich nicke. Sie lächelt immer noch. Werde verabschiedet. Gehe. Sehe zu, dass ich Land gewinne. Will nur noch heim, meine Ruhe haben. Mich freuen, dass ich es erfolgreich hinter mich gebracht habe. Für dieses Mal.

Zu Hause schaffe ich es gerade noch zur Toilette. Übergebe mich wieder. Trinke einen Schluck Wasser, um den eklen Geschmack wegzuspülen. Sinke dann völlig ermattet in mein noch ungemachtes Bett. Schließe die Augen. Fühle nur noch Schwäche. Bin saft- und kraftlos. Kann mich nicht freuen. Noch nicht. Das dauert. Muss erst einmal wieder runterkommen. Stresslevel noch ganz weit oben. Ich liege da. Kann mich nicht rühren. Die Angst hängt mir noch nach. Die irrationale Angst, die sich bis heute in mir aufgebaut hatte. Die Angst, was man mit mir machen würde. Mich in irgendeine Bildungsmaßnahme stecken. Irgendein Training für meine Jobsuche. Irgendeine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Was man mit Arbeitslosen halt so alles machen kann. Bin drum herum gekommen. Will versuchen, erst mal aufzuatmen. Noch 1 Monat bis zum nächsten Termin. Wenn nichts dazwischen kommt. Drei Tage, mich auf die mitgegebenen Stellen zu bewerben. Den Rest des Monats für die geforderten 15 Bewerbungen. Die haben noch Zeit. Mein Magen beruhigt sich langsam wieder. Ich schlafe ein.

Am Nachmittag des nächsten Tages besucht mich meine Freundin Lulu. Will wissen, wie der Termin gestern gelaufen ist. Ob ich alles überstanden habe. Ja, ging alles gut. Wieder einmal umsonst Angst gehabt. Ja, die Beraterin ist in Ordnung. Ja, ich sehe ein, dass ich mich wieder einmal völlig unnötig fertig gemacht habe. Ja, Lulu hatte recht. Ja, nächstes Mal versuche ich, mich zu entspannen. Ja, ich werde mich um die Bewerbungen kümmern. Nur heute nicht. Heute hab ich ja Besuch.

Lulu ist lieb. Laut. Strebsam. Anstrengend. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, jeden zweiten Tag bei mir aufzuschlagen. Sie ist hier, um mich aufzuheitern. Sagt sie. Will mir gut zureden. Mich ablenken von meinem Frust. Meiner Arbeitslosigkeit. Will mich motivieren. Mir beistehen bei der Stellensuche. Wahrscheinlich will sie das wirklich. In Wahrheit aber macht sie mich echt fertig. Ihrem Redestrom ist niemand gewachsen. Er hört einfach nie auf. Sie redet und redet und redet. Spätestens nach 10 Minuten fängt die Ader an meiner Schläfe an zu pochen. Nach 45 Minuten habe ich starke Kopfschmerzen. Nach eineinhalb Stunden ist mir richtiggehend schlecht. Nach 2 Stunden fängt alles in mir an, sich zu wehren. Ich stehe auf. Koche Tee. Frage sie, ob sie was möchte. Nein, sie möchte nichts. Setze mich wieder. Höre zu. Sage „Ja“ und „Aha“ und „Du hast recht“. Nicke. Schüttele den Kopf. Nach zweieinhalb Stunden frage ich sie, ob sie heute noch was machen will. Sie nickt eifrig. DVD schauen. Hat sich Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ ausgeliehen. Die BBC-Version mit Colin Firth. Könnten wir ja auch zusammen schauen. Ich wäge die Möglichkeiten ab. Beide DVDs hintereinander geschaut dauern etwa 5 Stunden. Fünf Stunden ohne ihr Reden. 5 Stunden wunderbare Entspannung. Zu befürchten wäre allerdings, dass sie nachher noch über das Gesehene mit mir reden möchte. Wiederum ist es in fünf Stunden schon später Abend und Müdigkeit ihrerseits recht wahrscheinlich zu erwarten. Bin aber auch jetzt schon ziemlich müde. Denke nach. Wäge ab. Entscheide mich für Mr. Darcy und seine Elizabeth Bennet. Bin bereit, mich von meinem selbstgewählten Elend ablenken zu lassen. Kann der Romantik nicht widerstehen. Freue mich auf die ergreifenden Dialoge. Werde dahin schmelzen. Wie jedes Mal. Stehe ich doch total auf Jane Austens so wundervoll erdachte Figuren. Hab jedes einzelne Buch von ihr mehrfach gelesen. Jede Verfilmung mehrfach gesehen. Besitze „Stolz und Vorurteil“ sogar als Hörspiel. Werde nie genug davon bekommen. Liiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeebe diese Epoche. Liebe Jane Austen.

Film aus. Freudentränen in den Augen. Lulu und ich stumm. Umarmen uns kurz. Lulu geht nach Hause. Ich bleibe auf der Couch liegen. Schlafe mit einem Lächeln ein.

Wenn ich morgens mit einem Lied im Ohr erwache wird es ein guter Tag, das ist bei mir immer so. An solchen Tagen gerate ich nicht in Stress. Schaltet sich bei stupiden Tätigkeiten, wie die gleiche Strecke mit dem Auto zu fahren, Bügeln, Aufwaschen oder Putzen sofort wieder das Lied im Ohr ein. Ertappe ich mich beim Treppensteigen dabei, laut zu summen. Erledige ich an einem Tag Dinge, für die ich normalerweise mehrere Tage bräuchte.

Diese Tage sind wunderbar. Meistens sind es die Tage nach schlimmen Terminen. Tage, die denen folgen, an welchen ich etwas erledigt habe, was ich schon ewig vor mir hergeschoben habe. Mit täglich zunehmenden Magenschmerzen vor mir hergeschoben habe. Mir selbst die Hölle heiß gemacht habe für meine Unfähigkeit, die Dinge anzupacken. Mich verachtet habe für meine Trägheit, Antriebslosigkeit, Schwäche. Der Tag danach. Nach vorgestern. Ich fühle mich frei, beschwingt, bin sonnigen Gemüts. Heute kann ich alles schaffen, gelingt mir alles.

Ich wasche Wäsche. Hole sie bereits nach 2 Stunden wieder aus der Maschine. Lasse sie nicht wie an manchen Tagen aus Schwäche einen Tag lang in der Maschine, bis ich sie wegen des muffligen Geruchs noch einmal waschen muss. Ich staubsauge die Wohnung. Ich wasche auf. Ich kaufe ein und fülle den Kühlschrank wieder. Ich schrubbe den Fleck auf dem Fußboden, wo ich vor zwei Tagen eine Tasse türkischen Kaffees ausgekippt habe. War zu müde, ihn gleich zu entfernen und hatte nur ein altes Handtuch drauf geworfen. Ich leere den Briefkasten. Ich setze mich an den Rechner, um ein paar überfällige Rechnungen zu bezahlen. Ich bringe den Müll runter. Ich gehe mit meinen gesammelten Werken an Pappe und Weinflaschen zum Glas- und Papiercontainer. Ich rufe alle Leute zurück, die mir eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen haben. Lasse mich sogar auf ein 5-Minuten-Gespräch mit der Rentnerin aus der Nachbarwohnung ein, der ich wegen ihrer Geschwätzigkeit sonst tunlichst aus dem Wege gehe. Suche mir am Rechner 15 Firmen aus, bei denen ich mich bewerben werde. Schreibe alle 15 Bewerbungen. Auch für die Stellen, die mir die Dame vom Amt mitgegeben hat. Schreibe sie gut. Ändere meinen Bewerbungstext im Schema F und schneide ihn jeweils perfekt auf die jeweilige Firma zu. Kopiere meine Zeugnisse. Lasse meine Bewerbungsfotos vervielfältigen. Stecke alle Bewerbungen in große Kuverts. Klebe die Briefmarken auf. Bringe nur die Umschläge mit den mir ausgehändigten Stellen zum Briefkasten. Die anderen Umschläge werde ich liegen lassen bis kurz vorm Termin. Will ja gar keine schnellen Antworten haben. Will ja gar keine neue Arbeit haben. Hab alles abgehakt. Alles erledigt. Kann jetzt in Ruhe spazieren gehen. Spazieren ohne mir einzubilden, jeder würde mich anschauen. Kann jetzt auf einer Parkbank die Sonne genießen. Mich frei fühlen. Denke gerade, dass ich es so schlecht doch nicht getroffen habe in meinem Leben. Jetzt und hier. In diesem Moment.

Jedida, Sommer 2009

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